Meine Veröffentlichungen
Berliner Seilschaften
Mein zweiter Roman:
Ein verstaubtes Grundbuch. Ein milliardenschweres Geheimnis. Eine tödliche Jagd durch die Hauptstadt.
Als die Rechercheurin Anna Löwenthal im Berliner Landesarchiv auf ein brisantes Dokument aus dem Jahr 1937 stößt, ahnt sie nicht, dass sie damit ihr Todesurteil unterschreibt. Die vergilbten Akten beweisen: Ein riesiges Filetstück am Hackeschen Markt gehörte faktisch einst Magda Goebbels. Doch bevor Annas Chefin, die Top-Anwältin Emilia Schwarz-Ehrlich, die legitimen Erben informieren kann, schlägt ein unsichtbares Netzwerk erbarmungslos zu. Anna stirbt bei einem fingierten Unfall, und die Kanzlei gerät ins Fadenkreuz eiskalter Profis.
In die Enge getrieben, bleibt Emi nur eine Wahl: Sie bittet ihren Ex-Mann Max um Hilfe. Der suspendierte BKA-Kommissar und ehemalige US-Army-Ranger fackelt nicht lange. Um Emi zu schützen, zieht er sich mit ihr in einen hochsicheren Bunker vor den Toren der Stadt zurück und reaktiviert seine alte militärische Spezialeinheit.
Aus den Gejagten werden Jäger. Unterstützt von einem genialen Hacker und seinen schwer bewaffneten Kameraden beginnt Max einen gnadenlosen Feldzug gegen einen übermächtigen Feind. Ihr Gegner: ein Kartell aus korrupten Politikern, skrupellosen Bankern, einem französischen Immobilien-Tycoon und dem tödlichen Ex-KGB-Killer Viktor Karpov. Doch im Kampf um eine halbe Milliarde Euro und das dunkle Erbe der Hauptstadt lauert die größte Gefahr vielleicht schon in den eigenen Reihen …
Ein atemloser Thriller über dunkle Nazi-Vergangenheit, eiskalte Korruption in den höchsten Kreisen und eine Liebe, die selbst dem tödlichsten Verrat trotzt.
Leseprobe:
Georg Cool
Berliner Seilschaften
Band 1
Sämtliche Charaktere, Organisationen und Handlungen in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, realen Institutionen oder tatsächlichen Ereignissen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Die in diesem Werk beschriebenen [Ermittlungsmethoden/ medizinischen Abläufe / technischen Details] dienen ausschließlich der dramaturgischen Gestaltung und der Unterhaltung. Für die Richtigkeit der Angaben sowie für eventuelle Schäden, die aus der Nachahmung der im Text dargestellten Handlungen resultieren, wird keine Haftung übernommen.
Georg Cool
Berliner Seilschaften
Thriller/Krimi
Impressum
© 20XX Georg Cool
Verlag: BoD · Books on Demand GmbH, Überseering 33, 22297 Hamburg, bod@bod.de
Druck: Libri Plureos GmbH, Friedensallee 273, 22763 Hamburg
ISBN: 978-3-XXXX-
Prolog
Das Landesarchiv Berlin roch nach vergangenem Leben. Es war ein spezifischer Geruch – eine Mischung aus säurefreiem Karton, kaltem Steinboden und dem trockenen, staubigen Atem von Millionen Seiten Papier, die langsam zerfielen. Für Anna Löwenthal war es der Duft der Wahrheit. Sie arbeitete als Rechercheurin für die Berliner Zweigstelle einer renommierten New Yorker Anwaltskanzlei. Von ihrer Chefin hatte sie den Auftrag erhalten, nach alten Besitzunterlagen zu einem Flurstück in Berlin-Mitte zu suchen.
Sie zog ihre weißen Baumwollhandschuhe zurecht und blätterte vorsichtig die Seite eines Grundbuchauszugs von 1938 um. Das Papier war brüchig, gelblich verfärbt wie die Haut eines alten Menschen. Draußen, vor den dicken Mauern des Gebäudes in Reinickendorf, begann der Berliner Frühling, aber hier drinnen herrschte ewiger November.
»Na komm schon«, flüsterte sie. Ihre Stimme klang unnatürlich laut in der Stille des Lesesaals. Außer ihr war nur ein schläfriger Student anwesend, der über einer Mikrofilm-Maschine döste – oder zumindest so tat. Anna suchte seit drei Wochen. Emi, ihre Chefin, hatte ihr freie Hand gelassen, aber auch klargemacht, dass die Zeit drängte. Die Mandanten aus den USA wurden ungeduldig. Sie wollten Antworten. Warum war das Grundstück am Hackeschen Markt 1937 weit unter Wert verkauft worden? Wer war der Käufer, der sich hinter der Briefkastenfirma „Germania Treuhand“ verbarg? Ihr Finger glitt über die Zeilen.
„Flur 32, Parzelle 104. Eigentümerwechsel eingetragen am 12. November 1937.“
Und dann sah sie es. Es war kein gedruckter Eintrag. Es war eine handschriftliche Randnotiz, kaum leserlich, verblasst durch die Jahrzehnte. Wahrscheinlich hatte ein übereifriger Beamter sie damals hingekritzelt und vergessen.
„Vorgang priorisiert auf Anweisung Rk.Kz. / M.G.“
Anna hielt den Atem an. Rk.Kz. – Reichskanzlei. Das war schon brisant genug. Aber M.G.? Ihr Herz begann schneller zu schlagen, ein pochender Rhythmus in ihren Ohren. Sie zog die schwere Lupe heran, die auf dem Tisch lag, und analysierte die Schnörkel der Sütterlinschrift. Sie blätterte weiter, suchte hastig nach Querverweisen. In einem beiliegenden Hefter, der eigentlich Bauanträge für private Luftschutzbunker enthielt – scheinbar harmlose Akten, die im Chaos des Krieges falsch zugeordnet worden waren –, fand sie das fehlende Puzzleteil. Ein Briefwechsel. Ein Dankesschreiben an die „Germania Treuhand“, unterzeichnet mit einem eleganten, geschwungenen Schriftzug: Magda Goebbels.
Anna lehnte sich zurück. Der Stuhl knarrte laut. Ihr wurde schwindelig. Das hier war kein normaler Restitutionsfall. Das hier war Dynamit. Dieses Grundstück hatte faktisch der Frau des Propagandaministers gehört. Und es war nie offiziell entnazifiziert worden. Stattdessen war es durch Strohmänner weitergereicht und verschleiert worden – bis heute.
Sie griff nach ihrem Handy. Ihre Hände zitterten so stark, dass sie zweimal den Code falsch eingab. Sie musste Emi, ihre Chefin, anrufen. Sofort. Aber Emi saß im Flugzeug auf dem Rückweg von einer Konferenz in London – nicht erreichbar. Also wählte sie die Nummer der Kanzlei und ließ sich zu ihrer Kollegin Emma durchstellen. Atemlos berichtete Anna von der Entdeckung. Beide waren sich einig: Das war zu brisant für das Telefon. Sie würden die Informationen zurückhalten müssen, bis Emi wieder in der Kanzlei war. Sie allein musste entscheiden, wie mit diesem Fund zu verfahren war. Während Anna auflegte und begann, die brisanten Dokumente des Kataster- und Grundbuchamtes noch einmal Seite für Seite abzufotografieren, ahnte sie nicht, dass die stille Archivluft trügerisch war.
Zur selben Zeit brummte das private Handy von Ministerialdirigent Breitner in der Abteilung Stadtplanung. Eine raue Stimme berichtete ihm knapp, dass gerade eine Mitarbeiterin der Anwaltskanzlei Schwarz und Ehrlich dabei war, die Unterlagen eines ganz bestimmten Grundstücksverkaufs von 1937 zu sichern. Der Ministerialdirigent bedankte sich emotionslos und wählte sofort eine andere Nummer auf demselben Gerät. Es war eine Geheimnummer, die nur sehr wenigen Leuten bekannt war.
Anna packte ihre Sachen mit fahrigen Bewegungen zusammen. Das Smartphone brannte förmlich in ihrer Tasche, als wäre die bloße Anwesenheit der Fotos radioaktiv. Sie warf einen letzten Blick zurück in den Lesesaal. Der Platz an der Mikrofilm-Maschine war leer. Der Student war verschwunden, ohne dass sie das Geräusch einer Tür oder Schritte gehört hatte. Ein kalter Schauer, der nichts mit der klimatisierten Luft in der Archivhalle zu tun hatte, lief ihr über den Rücken. Hatte er wirklich geschlafen? Oder hatte er nur darauf gewartet, dass sie fündig wurde? Sie zwang sich zur Ruhe. Nicht paranoid werden, Anna. Das ist Berlin, nicht Gotham City. Sie gab den Aktenstapel bei der Aufsicht ab. Die Bibliothekarin, eine ältere Dame mit strengem Dutt, musterte sie über den Rand ihrer Brille hinweg. »Sie haben heute aber Farbe bekommen, Frau Löwenthal. Alles in Ordnung?«
»Nur die Heizungsluft«, log Anna und presste ein Lächeln hervor, das ihre Lippen spannte. »Ich muss los. Schönen Feierabend.«
Als sie durch die schwere Eingangstür ins Freie trat, schlug ihr die Berliner Abenddämmerung wie ein nasses Handtuch ins Gesicht. Es war erst kurz nach vier, aber der Himmel über Reinickendorf war bereits in ein schmutziges Anthrazit getaucht. Die Straßenlaternen flackerten unentschlossen. Anna steuerte auf ihren kleinen Smart zu, der am hinteren Ende des Parkplatzes stand. Der Kies knirschte unter ihren Stiefeln – ein Geräusch, das in der Stille viel zu laut wirkte. Plötzlich hielt sie inne. Zwischen ihr und ihrem Auto, im toten Winkel der einzigen funktionierenden Laterne, stand ein Wagen, der dort vor zwei Stunden noch nicht geparkt hatte. Eine schwarze Oberklasse-Limousine, Motor im Leerlauf. Weiße Abgaswolken stiegen rhythmisch in die kalte Luft auf. Keine Lichter, kein Nummernschild, das sie auf die Schnelle erkennen konnte.
Ihr Instinkt, geschärft durch jahrelange Recherchearbeit an den dunklen Rändern der Gesellschaft, schrie auf. Nicht zum Auto. Wenn sie jetzt in ihren Wagen stieg, war sie in einer Blechbüchse gefangen. Und der Weg vom Archiv zur Autobahn führte durch einsame Industriestraßen. Anna drehte sich auf dem Absatz um, das Handy fest in der Jackentasche umklammert, und ging mit schnellen Schritten zurück in Richtung Eichborndamm zur S-Bahn-Station. Dort waren Menschen. Dort war Licht.
Mit dieser Entdeckung von Anna Löwenthal wurde ein Prozess in Gang gesetzt, der in den nächsten Wochen zu viel Blutvergießen führen sollte – und letztlich zur Aufdeckung eines der größten öffentlichen Skandale der Nachkriegsgeschichte.
Dies konnte nur der leibhaftige Höllenhund persönlich sein. Ein unheimliches Wesen mit blutunterlaufenen Augen, die ihn fixierten, und einem Riesenmaul, das breit genug war, um seinen ganzen Kopf zu verschlingen. Aus den Lefzen hingen rechts und links zähe, durchsichtige Seile aus Geifer herab, die gefährlich schwankten. Langsam fiel ihm ein, dass er ja Atheist war und es in seiner Überzeugung so etwas wie Höllenhunde nicht gab. Oder sollte er die letzten vierzig Jahre komplett falschgelegen haben? War das hier das Jüngste Gericht für zu viel Single Malt?
Offenkundig hatte dieses unheimliche Wesen jedoch nicht vor, ihn zu fressen. Es versuchte vielmehr, ihn aufzulutschen. Ebenso wie einen Lutscher oder ein besonders salziges Eis am Stiel. Auf jeden Fall hatte das Vieh eine Zunge, die gleichzeitig schleimig, warm und so rau wie Schmirgelpapier war. Sie fuhr ihm einmal quer über das Gesicht, von der Bartstoppelregion am Kinn bis zur Stirn. Ein lautes, glockenhelles Lachen und ein halbherziger Befehl: »Susi, lass den Max endlich in Ruhe, sonst braucht er sich nicht mehr zu waschen!«, drangen wie tausendfaches Vogelgezwitscher an seine malträtierten Ohren.
Der Name Susi und das vertraute Gezwitscher brachten ihm schlagartig das Bewusstsein wieder zurück. Die Nebel in seinem Hirn lichteten sich ein wenig. Er, Max Ehrlich, wusste jetzt wieder, wo er war: im Wohnzimmer seiner Ex-Frau. Und die ihn gerade mit einer Hingabe abschlabbernde Susi war kein Dämon aus der Unterwelt, sondern Emis liebenswerte, aber körperlich distanzlose, fünfjährige Bordeaux-Dogge, die ihn über alles liebte. Diese Liebe manifestierte sich nun darin, dass Susi versuchte, ihn mithilfe der Decke, die unter ihm lag, von der Couch zu ziehen, auf der er, so schien es, die Nacht verbracht hatte. Durch ihr enormes Gebiss – Susis natürlich – und die fünfundsechzig Kilo reine Muskelmasse, die sie auf die Waage brachte, war das für sie eine physikalische Kleinigkeit. Max hingegen, der sich anfühlte wie ein nasser Sack Zement, hatte momentan dem nichts entgegenzusetzen.
Mit einem lauten Knall und einem dumpfen Aufprall befand er sich augenblicklich vierzig Zentimeter tiefer auf dem harten Dielenboden. Susi nutzte den taktischen Vorteil sofort aus und stellte sich breitbeinig über ihn, um die Lutschorgie zu vollenden. In seinem Kopf schien sich in diesem Moment ein ganzes Bündel illegaler polnischer Silvesterraketen zu entzünden. Der Schmerz pulsierte hinter seiner Stirn im Takt seines rasenden Herzschlags. Er konnte sich nicht daran erinnern, einen Kater dieser Güteklasse schon mal erlebt zu haben. Mühsam hob er den rechten Arm. Susi verstand das Signal sofort, nahm sein Handgelenk sanft in ihr riesiges Maul und half ihm durch leichtes, aber bestimmtes Ziehen in eine sitzende Position.
Vor ihm stand Emi, also Emilia Schwarz-Ehrlich. Seine Ex-Frau, beste Freundin, Seelenverwandte und manchmal, in schwachen Momenten, auch Geliebte. Geschäftsführende Partnerin einer der angesehensten Anwaltskanzleien in Berlin. Sie hielt ihm einen dampfenden Pott entgegen, aus dem, so suggerierten ihm seine langsam erwachenden Sinne, der köstliche, lebensrettende Duft von frisch gebrühtem Kaffee in die Nase strömte.
»Na, Herr Hauptkommissar, von den Toten auferstanden?«, begrüßte Emi ihn mit einem schelmischen Lachen, das er so an ihr liebte. Es war ein Lachen, das versprach, dass die Welt vielleicht doch nicht ganz so schlecht war. Er liebte außer diesem Lachen fast alles an ihr. Er blinzelte gegen das Sonnenlicht an, das durch die großen Terrassenfenster fiel, und betrachtete sie. Ihr fein geschnittenes Gesicht mit den dunklen, klaren Augen, in denen man herrlich versinken und gleichzeitig die Wahrheit nicht verbergen konnte. Der sinnliche Mund, der viel zu versprechen schien und selten enttäuschte. Das lange schwarze Haar, das fast bis zur Hüfte reichte und wie ein dunkler Wasserfall über ihre Schultern fiel. Eine Hüfte, an der sich endlos lange und schlanke Beine befanden, die ihn immer wieder alle guten Vorsätze vergessen ließen. Na, und hauptsächlich ihren ehrlichen, unbestechlichen Charakter, der manchmal schon fast bis zur Schmerzgrenze gehen konnte, jedoch nie zu Ungerechtigkeiten neigte.
»Ja, es scheint, dass etwas Leben gerade zurückkommt. Wobei ich mir bisher nicht sicher bin, ob ich das begrüße. In meinem Kopf muss jemand Silvesterraketen verpflanzt haben. Als Susi mich geweckt hat, sind sie alle explodiert. Falls ich es bisher nicht erwähnt habe: suspendierter Hauptkommissar, bitte. Wir wollen doch bei der Wahrheit bleiben«, antwortete Max mit einer Stimme, die klang, als hätte er Kieselsteine gefrühstückt.
Er nahm Emi den Pott aus der Hand. Seine Finger zitterten leicht. Schnell deckte er die Tasse mit der anderen Hand ab, da sich Susi gerade mit heftigen Kopfbewegungen schüttelte und sich dabei ihrer langen, klebrigen Speichelfäden entledigte, die wie Geschosse durch den Raum flogen.
Mein erster Roman
Im Visier der Götter
Paul Wagner ist in der Mitte des 20. Jahrhunderts geboren. Achtzig Jahre später blickt er zurück auf ein Leben voller Wandlungen und ständigen Herausforderungen. Eine Zeit, die Geschichte und Zukunft gleichermaßen beschreibt. Fiktive und zeitgeschichtliche Ereignisse beschreiben den Zustand des größten Feindes der Erde, die menschliche Gesellschaft. Eingebettet in einem Geheimdienst- und Science-Fiction-Thriller. In fünfundzwanzig Kapiteln werden geschichtliche und fiktive Ereignisse, aus der Sicht des Protagonisten geschildert. Verpackt in einem Thriller um Attentate und Terroranschläge und Menschen von einem anderen Stern. Die Erzählung hat wahrlich keinen Anspruch auf Wahrheit oder gar wissenschaftliche Erkenntnis. Höchstens ein Denkanstoß, aber vor allem erzählt wird nichts weiter als eine Geschichte.
Leseprobe:
Das Buch
Diese Gedanken, die zu dem Buch führten, sind mir in den letzten Jahren mehr oder weniger oft durch den Kopf gegeistert. Manch einer wird, wenn er das liest , denken: „Was für ein wirrer Kopf“? Was soll ich dazu sagen? Es ist nun mal meiner, der Kopf natürlich, und ist mittlerweile weit über sechzig Jahre bei mir anhängig. Mit dem Kopf ist es so eine Sache. Dem einen gefällt er, der andere hadert mit ihm, seinem Kopf. Ich war viele Jahre mit den Meinigen im ständigen Zwiespalt. Mal fand ich ihn okay, ein anderes Mal hätte ich ihn am liebsten tief in den Sand gesteckt. Mittlerweile habe ich mich in Gänze mit ihm, dem Kopf, vereint. Man könnte es Altersmilde nennen. Der bessere Ausdruck dafür scheint mir Vernunft zu sein. Deshalb, weil man in den mehr oder weniger vielen Jahren, je nach Ansicht des Kopfes, festgestellt hat, dass der ewige Zwist mit dem Kopf Gefahr läuft, diesen zu verlieren. Was beim Betrachten mancher Zeitgenossen heutzutage, nicht so weit hergeholt scheint.
Der Akt, den Menschen an sich herzustellen, ist keine große Sache. Für die meisten jedenfalls. Der wirre Kopf würde fragen: Wer war zuerst da? Das Huhn oder das Ei? Die Zelle oder die Erzeuger? Das sind wissenschaftliche Erwägungen und für das Menschwerden von elementarer Bedeutung. Für das Menschsein mehr oder weniger unwichtig. Hierfür ist es wichtig, in welchen gesellschaftlichen Verhältnissen, in was für einer Umwelt, nicht die von der momentanen allgemeinen Hysterie gestritten wird, sondern um menschliche Umgebung, in der der neugeborene Mensch, Mensch sein kann.
Die allermeisten kommen vollkommen unschuldig auf diese Welt. Außer Jesus von Nazareth, dessen Bestimmung war sozusagen vorprogrammiert. Alle anderen sind gänzlich unbelastet und mehr oder weniger gut anzuschauen, auf diese Welt gekommen. Es wurde niemand mit Seitenscheitel, Schnurrbart und gestrecktem Arm geboren. Nicht mit wirrem Haarschopf und ausgestreckter Zunge. Nicht mit der Schreibfeder und nicht mit dem Hammer der Erleuchtung. Niemand mit einem Sprengstoffgürtel und dem Verlangen nach zweiundsiebzig Jungfrauen. Die Jungfrauen wären schon okay, nur die Endgültigkeit nicht. Was macht also ein unschuldiges kleines Menschlein zu einem Massenmörder, zu einem Genie der Wissenschaften, zu einem Poeten, zu einem Aufklärer oder zu einem Selbstmordattentäter? Die Naturwissenschaftler erklären es mit der Aminosäuresequenz. Dem genetischen Code, der bestimmt, welchen Charakter und Fähigkeiten wir erlangen werden. Natürlich wird das eine Rolle spielen, und wer bin ich, der die Wissenschaft infrage stellt? Trotzdem glaube ich, dass in erster Linie die gesellschaftlichen Gegebenheiten, die Verhältnisse, in denen wir groß werden, bestimmen, wozu ein Individuum heranwächst. Eben die haben sich in unserer relativ kurzen Geschichte, dem Vorhandensein des Menschen auf der Erde, nicht unbedingt als vorteilhaft für die Erde und deren Bewohner, entwickelt. Wir haben zur Genüge bewiesen, dass wir alles und selbst unsere eigene Existenz der Gier nach Macht und Reichtum unterordnen. Dafür gibt es eine Vielzahl beweisbarer Erkenntnisse. Je weiter wir uns entwickeln, desto perverser werden die Mittel, derer wir uns zur Erlangung von Macht und Reichtum bedienen.
Paul Wagner ist in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts geboren. Achtzig Jahre später blickt er zurück auf ein Leben voller Wandlungen. Eine Zeit, die Geschichte und Zukunft gleichermaßen beschreibt. Es wird der Zustand des größten Feindes der Erde, die menschliche Gesellschaft, betrachtet. Eingebettet in einen Thriller um Attentate und Anschläge. Es werden fiktive und geschichtliche Ereignisse aus der Sicht des Protagonisten geschildert.
Die Erzählung hat wahrlich keinen Anspruch auf Wahrheit oder gar wissenschaftliche Erkenntnis. Höchstens ein Denkanstoß, aber vor allem erzählt wird nichts weiter als eine Geschichte.
Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, Namen und Vorgängen sind rein zufällig und haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun.
1. Kapitel
September 2034 nahe Polson, im US-Bundesstaat Montana. Der Vollmond warf sein milchiges Licht auf einen eher kleineren Mann mit weißem Haar, der auf dem weit in den See gebauten Steg saß. Er hielt ein Glas mit bernsteinfarbener Flüssigkeit in der Hand. Es war Ende September und da die Höhe fast tausend Meter über dem Meeresspiegel betrug, war es zu dieser Jahreszeit und mitten in der Nacht entsprechend frisch. Aus dem Grund war der Mann in eine Felldecke gehüllt. Es war eine klare Vollmondnacht und die Konturen des Mannes warfen gespenstische Schatten auf die Wasseroberfläche. Der Tag war sonnig und für Ende September außerordentlich warm gewesen. Was dazu führen wird, dass sich bald eine Dunstschicht über dem Wasser bildet. Der Mann hob das Glas.
»Zum Wohl Paul Wagner. Wer hätte je gedacht, dass du einmal achtzig Jahre alt wirst? Auf euch, meine Freunde, die mich auf dem Weg ein Stück weit begleitet haben und nun nicht mehr unter uns weilen.«
Er nahm einen kräftigen Schluck von der wärmenden Flüssigkeit. Zu gut wusste er, dass es eine trügerische Wärme ist. Der Teufel Alkohol vermag solchen Irrglauben dem Gehirn einzureden, das hatte er im Leben mehrmals erfahren müssen. Das Licht seines Hauses, das zum Teil in den Felsen über ihm gebaut war, spiegelte sich im Wasser des Sees wider. Seine Geburtstage, zumindest die der letzten Jahre, wurden in Familie gefeiert. Die Ausnahme waren zwei übrig gebliebene alte Freunde. Da diese schon weit über achtzig Jahre alt sind, wollten sie diesmal den beschwerlichen Weg in die Wildnis nicht mehr auf sich nehmen. Neue Freunde waren entweder zu weit weg oder hatten besseres vor, als mit einem alten Knacker ihre Zeit zu verschwenden.
Leise klangen das Lachen und die Stimmen seiner Kinder,
Enkel und Urenkel zu ihm herunter. Für ihn war dieser Tag einer der wichtigsten in seinem Leben geworden. Nicht des Geburtstags wegen. Darauf hätte er verzichten können. Die Familie ist es, die oben alle beisammen waren. Es war das einzige Mal im Jahr, und so genoss er es in vollen Zügen. Vieles in seinem Leben hätte anders sein können. Diese Menschen dort über ihn würde er um keinen Preis der Welt missen wollen. Sie waren und sind sein größter Halt in einer Welt, die kurz vor dem Abgrund gestanden hat. Sich mittlerweile ein ganzes Stück davon entfernt hatte und entsprechend lebenswerter ist. Er war an dieser Entwicklung nicht ganz unbeteiligt. Man ist lange nicht am Ziel. Viele Unwägbarkeiten wie alte Denkstrukturen, religiöse Unwissenheit und charakterliche Schwächen erschweren den Weg hin zu einer besseren, dem Menschen nahen Gesellschaft. Noch steht das Streben nach materiellen Dingen und Machtausübung an erster Stelle. Nicht mehr mit der brutalen Zielstrebigkeit wie vor Jahren, doch mit einigem Potenzial für kriminelles Handeln. Es gibt noch viele Hürden bis zum Ziel. Ein Ziel, für das es sich lohnt, weiterzukämpfen. Die Richtung stimmt und wird hoffentlich bald unumkehrbar sein. Wichtig für die Zukunft wird sein, dass immer mehr die Überzeugung wächst, gemeinsam die Herausforderungen besser zu meistern. Empathie und menschliche Empfindungen sollten dem Streben nach Macht und Reichtum vorangestellt werden. Er schaut gedankenversunken weit über die nahen, schneebedeckten Gipfel der Rocky Mountains. Als ob er dort mit unsichtbaren Gestalten einen regen Gedankenaustausch führen würde, was er regelmäßig getan hatte. Heut an seinem achtzigsten Geburtstag schickt er diese Gedanken auf eine Reise weit in die Vergangenheit. In einer Zeit, welche die Menschheit mehrmals an den Rand des Untergangs gebracht hatte. In der das Böse schon fast das Gute besiegt hatte und in der er seinen Platz nach vielen Unwägbarkeiten gefunden hat.
Er dachte an den Jungen, der in einer Zeit geboren wurde, in der die Menschheit sich von der schlimmsten Katastrophe in ihrer Geschichte langsam zu erholen schien. Kein Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg und nach der abscheulichen Tyrannei der Nazis. Die Geburt war kompliziert und dem Jungen wurden viele Gebrechen, wie man zu sagen pflegte, mit in die Wiege gelegt. Die Ärzte gaben ihm keine große Chance auf ein langes Leben. Doch er besaß einen unbändigen Überlebenswillen, der ihn vieles in Zukunft ertragen ließ, woran andere eher scheiterten. Die Schule besuchte er ohne großen Fleiß. Arbeitete frühzeitig auf dem kleinen Hof seiner Eltern. Er betrieb ein paar Jahre Leistungssport. Den Sport mit mehr Erfolg als in der Schule, was er später bitter bereuen sollte. Hätte er mehr Gewicht auf seine schulischen Leistungen gelegt, wäre ihm einiges leichter gefallen. Vieles, das er durch mangelnden Fleiß in der Schule versäumte, musste er sich später hart erarbeiten. Sein Vater, der nicht einen Schuss im Krieg abgegeben hatte, kam mit siebzehn Jahren in polnische Gefangenschaft. Die er lange fünf Jahre ertragen musste. Aus den schrecklichen Erlebnissen dieser Zeit resultierte im Wesentlichen die fehlende Fähigkeit, seinem Sohn gegenüber väterliche Gefühle zu zeigen. Es gab nie Lob und Anerkennung für geleistete Arbeit. Jedoch Bestrafung und Verachtung für Fehler oder nicht erledigte Aufgaben. Dadurch waren seine Gefühle und die Achtung dem Vater gegenüber sehr überschaubar. Seine Mutter im Gegensatz war zwar streng, aber gleichermaßen liebevoll. Sie hatte immer tröstende Worte bei allzu harter Bestrafung vom Vater für ihn übrig.
Das Land, in dem er aufwuchs, war von den Siegern des schlimmsten Krieges der Geschichte in zwei Teile geteilt worden. Der Teil, in dem er lebte, war zumindest für ihn der bessere von beiden. Hier hatte angeblich das Volk die Macht. Für ihn war es der Lebenswertere und so wurde er erzogen. Erst später erkannte er, dass dort ebenfalls die Macht einzelner das Schicksal vieler beherrschte und das eben nicht unbedingt zum Wohle dieser. Soziale Leistungen wurden im Gegensatz zum System des Kapitalismus mehr im Vordergrund gestellt. Familie, Beruf und Wohnen standen vor Profit und Reichtum. Faktisch hätte das von den Menschen seiner Gesellschaft anerkannt werden müssen. Das Gegenteil war der Fall. Das Fehlen der Freiheit des Einzelnen konnte durch soziale Leistungen nicht verdeckt werden. Diese Leistungen werden erst vermisst, wenn sie nicht mehr vorhanden sind. Einschnitte in die persönliche Freiheit empfand man als wesentlich bedrückender. Als später diese im anderen System ebenfalls eingeschränkt wurde, waren die Alternativen längst verspielt. Wenige ahnten, dass die Zukunft der meisten, im anderen System, nicht besser werden würde. Es gibt keine Mangelware im Kapitalismus. Ist man doch finanziell beschränkt, wird es noch frustrierender, sich all die schönen Sachen nicht leisten zu können. Eine ungerechte Verteilung des erwirtschafteten Vermögens fällt erst dann auf, wenn der Unterschied zu groß wird und allenfalls ein geringer Teil der Menschen einer Gesellschaft Zugriff auf dessen Vermögen hat. Dieser Teil hat dann alle Freiheiten, die den anderen verwehrt bleiben. Das sollte sich später rächen und fast das Ende der Menschheit besiegeln.
Der Erziehung seiner Eltern und des Systems war es zu verdanken, dass er ein Verfechter dieses Systems wurde. Er war überzeugt, in der einzig richtigen Gesellschaft auf der Erde zu leben. Einer Gesellschaft, in der angeblich alle gleich sind. Aus diesem Grund und der Aussicht auf einen Studienplatz verpflichtete er sich freiwillig für länger als nötig in eine Spezialeinheit. Diese war eine militärische Einrichtung der Staatssicherheit. Bei ihm war die ständige Propaganda, die Angst vor dem Imperialismus erzeugte, auf fruchtbaren Boden gestoßen. Propaganda gab es aber auf der anderen Seite dieser beiden Systeme genauso. Dasselbe mit der umgekehrten Begründung. Gegen den furchtbaren Kommunismus, den es niemals gab und nie geben sollte. Da er zum Trotz, seinem Vater gegenüber nach außen hin distanziert dem System gegenüberstand, sein äußeres Aussehen und manche seiner Handlungen nicht unbedingt ein Musterbeispiel sozialistischer Persönlichkeit waren, warb man ihn für diesen Dienst an. Man konnte sich dort nicht bewerben. Man wurde ausgesucht, und das schon mindestens zwei Jahre vor der Anwerbung. Meistens wurden Sprösslinge von Funktionären der Partei oder dem Sicherheitsapparates ausgesucht. Er nannte sie immer die Blaublütigen. Die Anwerbung, das sollte er später erfahren, war auf seine sportlichen Erfolge und die unkonventionelle Art, Probleme zu lösen, zurückzuführen.
Seinem Ehrgeiz war es zu verdanken, dass er bei speziellen Tests, den alle Anwärter für diese Art Job absolvieren mussten, mit Bestleistungen glänzte. Als Ergebnis wurde er in ein spezielles Ausbildungsprogramm versetzt. Hier wurde man dazu ausgebildet, im Hinterland des Feindes zu operieren. Man lernte dort konspiratives Verhalten, lautloses Bewegen, Nahkampf bis hin zu verschiedenen Methoden, um Menschen zu töten. Er absolvierte als einer der Besten seiner Einheit diese Ausbildung. So bekam er später Aufgaben übertragen, von denen nicht viele seiner Kameraden überhaupt etwas ahnten.
Schon in der Zeit der Ausbildung überkamen ihn Zweifel über die gesellschaftlichen Verhältnisse in seinem Land. Zwar wusste er, dass die Philosophie dessen, wofür er und seine Kameraden sich schindeten, die richtige ist. Allein wie man sie im System praktizierte, fehlerhaft war. Doch ungeachtet davon war er trotzdem zu diesem Zeitpunkt noch immer überzeugt, auf der richtigen Seite der zwei herrschenden Systeme dieser Zeit zu stehen. Er hätte nicht gescheut, sein Leben dafür zu opfern. Später sollte es ihm schmerzlich bewusst werden, dass er und viele Gleichgesinnte nicht dem Wohle des Volkes, sondern dem seiner sogenannten Repräsentanten dienten. Diese wurden von der Partei bestimmt. Einer Partei, die unbarmherzig ihre Führungsrolle ausübte. Das erklärt, warum nicht die fachlich am besten geeigneten Personen die Rolle der Führung übernahmen. Die von der Partei Auserwählten hatten oft keinen fachlichen Sachverstand. Dummheit und Ignoranz, gepaart mit Gier nach Macht und Reichtum, waren die Motivation der meisten dieser Leute.
Der Staat hatte zwar wenig Rohstoffe, kaum natürliche Ressourcen und war durch die Sanktionspolitik des Westens in vielen Dingen gehandicapt. Doch die Macht dieser unfähigen Riege war der Hauptgrund des Scheiterns der sogenannten sozialistischen Gesellschaft. Diese Macht wurde mit Rechtsbeugung und Unterdrückung Andersdenkender verbunden. Es wurde nicht besser dadurch, dass im anderen System Ähnliches praktiziert wurde. Entsprechend seinem Charakter prangerte er solches regelmäßig an. Das war für eine Karriere in diesem Apparat wenig förderlich. Andere kamen schneller weiter. Nicht weil sie besser waren, nein, sie passten sich an. Einigen erfolgreichen Aktionen war es zu verdanken, dass er nicht gänzlich in der Versenkung verschwand. Wenige Befehlshaber in der Organisation wussten seine Fähigkeiten einzuschätzen. Für brisante Einsätze und sogenannte Aktionen wurde er immer wieder aktiviert. Dadurch hatte er einen größeren Einblick in das Privatleben einzelner hoher Funktionäre. Mit diesem Wissen konnte er oft Freunde und Verwandte aus heiklen Situationen heraushalten.
Als Soldat war er dazu gedrillt worden, jeden Befehl auszuführen. Trotzdem hat er nie einen ausgeführt, der jemandem schadete, der aus seiner Überzeugung heraus mit friedlichen Mitteln gegen das herrschende Unrecht kämpfte. Unrecht und Machtmissbrauch gab es oft genug in dieser Zeit. Nur ist das nicht systemabhängig, sie sind menschlich bedingt und nicht mit der Abschaffung von gesellschaftlichen Systemen zu beseitigen. Eher mit der Entwicklung des Menschen, hin zu echten menschlichen Empfindungen. Leider hat diese Entwicklung den entgegengesetzten Weg genommen. Der Unterdrückung und Machtgier. Trotz aller gegenseitigen Behauptungen war das in sämtlichen Gesellschaftssystemen vorrangig.
Der Machtmissbrauch in dem sogenannten sozialistischen System war gegenüber dem Kapitalismus um vieles ausgeklügelter und perverser. Da ja, die Arbeiterklasse die Macht ausüben sollte. Diese hatte keinen Einfluss mehr auf die abgehobenen und ständig arroganter werdenden Funktionäre aus Partei und Wirtschaft. Um ein Aufbegehren des Volkes gegen diese Funktionäre zu verhindern, wurden die Sicherheitsdienste dazu missbraucht, eine Atmosphäre aus Angst und Duckmäusertum zu schaffen. Alles und jeder wurde überwacht. Diese Überwachungen grenzten meist schon an satirisches Theater. Denn selbst den eigenen Leuten traute man nicht und überwachte oftmals sogar sich selbst. Die Erkenntnisse dieser Überwachungen wurden meist verfälscht oder nicht zur Kenntnis genommen. Die senilen alten Funktionäre waren von ihrer scheinbaren Unfehlbarkeit felsenfest überzeugt und witterten bei jeglicher Kritik sofort Konterrevolution. Er ahnte, dass die Riege der sogenannten Funktionäre keinerlei Zukunft mehr hatte. Im Gegensatz zu den meisten Gleichgesinnten dieser Zeit war er überzeugt davon, dass was dann kommen wird für viele das tägliche Leben nicht besser, eher schlechter machen würde. Die Menschen, die diesem System den Rücken kehrten und die auf der Straße ihren Ruf nach Gerechtigkeit zum Ausdruck brachten, haben die Wende eingeleitet. Keinem Politiker vom anderen System oder selbst ernannten Freiheitskämpfern ist es zu verdanken, dass kein Blut geflossen ist. In erster Linie war es dem besonnenen Handeln der Demonstrierenden zu verdanken. Doch die überwiegende Zahl der Mitarbeiter in dem Machtapparat der Stasi wollte sich nicht mehr zur Unterdrückung des eigenen Volkes hergeben, was ebenfalls zur Deeskalation beitrug. Dieses Volk war laut der geltenden Verfassung der eigentliche Souverän. Trotzdem war es reines Glück, dass die Situation nicht eskalierte. Es gab Kräfte, die eine Konfrontation herbeiführen wollten.
Erstaunlich war, wie viele, die sich hervorragend mit dem System arrangiert und ihre Karriere dem Gewissen vorgezogen hatten, plötzlich zu Freiheitskämpfern wurden. Einer der elegantesten Wendehälse sollte sogar später Präsident der neuen gesamten Republik werden. Der Sozialismus, sofern es ihn gegeben hat, war am Ende. Dem Umstand, dass die Sowjetunion längst vor dem Westen kapituliert hatte, war es zu verdanken, dass es zu keinem Blutbad kam. Gorbatschow hatte es nicht mehr geschafft, den Sozialismus zu reformieren. Böse Zungen behaupten, dass er dieses nie vorgehabt hat. Im Gegenteil, er hatte keinerlei Unterstützung. Die alten, senilen Betonköpfe in den eigenen Reihen verhinderten einen echten Wandel. Um sein eigenes Land zu schützen, hat er nicht allein die DDR an den Westen abgetreten. Das gesamte Lager der sogenannten sozialistischen Staaten brach in sich zusammen. Wäre die Unterstützung der Sowjetunion noch intakt, so hätten wir ein ähnliches Massaker wie auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking gehabt. Die Politik der sogenannten Volksvertreter hatte nie dem Wohle des gesamten Volkes gegolten. Diese Ungerechtigkeit hatte unter anderem Gorbatschow erkannt. Doch dass der Friedensnobelpreisträger danach ein Riesenvermögen besaß, hinterlässt Raum für Spekulationen.
Viele der anständigen Bürger, die mehr Gerechtigkeit wollten und dafür kämpften, hatten später das Gefühl, missbraucht worden zu sein. Anderen kriminellen sogenannten Bürgerrechtlern eröffnete sich ein Schlaraffenland. Man bediente sich darin, wie in einem Selbstbedienungsladen. Danach kamen die sogenannten Sieger von der anderen Seite, die dem verhassten System gänzlich den Garaus machten. Die Zeche musste wiederum das Volk zahlen und das beiderseits. Das Vermögen eines ganzen Volkes wurde regelrecht verramscht. Klar waren viele der Betriebe in einem desolaten Zustand. Aber nicht alle und nicht in dem Ausmaß, das von Medien und Politikern propagiert wurde. Viele Betriebszweige wären konkurrenzfähig gewesen. Hatten sie doch für den Westen begehrte, billige Güter hergestellt. Sie mussten abgewickelt werden, weil die Arbeitskräfte trotz geringer Löhne gegenüber anderen osteuropäischen und asiatischen Staaten zu hoch waren. Auf einigen wenigen Gebieten sind sie sogar echte Konkurrenz für die neuen Mitbewerber gewesen. Abwickeln wurde bei den Menschen in seinem Land zum schlimmsten Wort dieser Zeit. Wurde der Betrieb abgewickelt, wickelte man die Beschäftigten gleich mit ab. Sollte für die meisten heißen, arbeitslos und von Gnaden des Staates abhängig zu sein. Etwas, was sie nicht kannten und sich mit ihrem Ruf nach Freiheit nicht vorgestellt hatten. Es wurde sogar eine eigene Behörde zur Überführung des Volksvermögens der DDR in die BRD geschaffen. Man sagte dazu in die Privatisierung.
Die Treuhandanstalt wurde zum Sinnbild krimineller Aktivitäten, die vom Staat gefördert wurden. Für eine symbolische Mark ging Volksvermögen in Milliardenhöhe in private Hände. Höchst dubiose Elemente machten sich oft auf Kosten aller die Taschen voll. Nicht wenige waren darunter, die dieses Verschleudern politisch möglich gemacht haben. Der erste Chef der Anstalt, war ein harter Manager, der trotzdem versuchte, die betroffenen Menschen materiell und seelisch nicht unter die Räder kommen zu lassen. Er wurde kurz nach seiner Ernennung ermordet. In den Medien und offiziellen Verlautbarungen der Behörden wird dieses Verbrechen der Terrororganisation RAF zugeschrieben. Angeblich hätten diese sich zum Attentat bekannt und es gäbe eindeutige Beweise dafür. Bis heute gibt es keine Angeklagten und die angeblichen Beweise sind selbst laut Staatsanwaltschaft äußerst dürftig. Wer sich ein wenig mit Kriminaltechnik oder geheimdienstlicher Tätigkeit auskennt, weiß, wie schnell und mühelos diese angeblichen Beweise manipuliert werden können. Auf alle Fälle stand er mit seiner Einstellung einigen Hardlinern und äußerst kriminellen Elementen im Weg. Es spricht schon Bände, wenn man weiß, dass einer Bitte nach besserem Personenschutz von den zuständigen Behörden nicht entsprochen wurde.
Nach seinem Tod wurde eine Frau, Präsidentin dieser Anstalt. Sie entstammte einer wohlhabenden Großfamilie des Hamburger „Geldadels“ mit unzähligen nützlichen Verbindungen im In- und Ausland. Im Gegensatz zum Ermordeten vertrat sie die Ansicht, dass soziale Aspekte keinerlei Einfluss auf die angebliche Sanierung der Ostbetriebe haben dürften. Dass diese vollkommen in den Hintergrund gedrängt wurde und der Verkauf an dubiose Kunden den Vorrang hatte, wird bis heute von den damaligen Verantwortlichen verschwiegen. Diese Frau hatte dem gesamten Volksvermögen der neuen BRD immensen Schaden zugefügt. Innerhalb kurzer Zeit, war eine komplette Volkswirtschaft in einen Schuldenberg verwandelt worden und der Kahlschlag betraf eben nicht allein die vielen maroden Bereiche. Ein Schelm, der darauf Rückschlüsse auf die Ermordung des Vorgängers zieht, der ebensolches verhindern wollte. Gemessen an den vielen Milliarden, die durch ihr Handeln, dem Staat verloren gegangen sind, gehörte sie ins Gefängnis. Aber nein, sie wurde mit Auszeichnungen überhäuft.
Im System des Kapitalismus war man ebenfalls auf dem Weg in eine Rezension. Da kam der Zusammenbruch des Ostens durchaus recht. Autohändler, Möbelhändler, Immobilienmakler und andere, die kurz vor dem Konkurs standen, hatten sich schnell saniert. Versicherungen und Banken hatten Konjunktur und Wachstum in gigantischer Höhe. Wieder profitierten nur wenige von diesem Aufschwung. Die Menschen im Osten, die vierzig Jahre nichts von dem neuen System kannten, wurden regelrecht überrannt. Einerseits waren sie mit dem plötzlichen Überfluss an Dingen, die sie vorher meist nie erwerben konnten, überfordert, und sie gaben ihr Geld mit schnellen Händen aus. Andererseits waren Scharlatane aller Couleur unterwegs, um ihnen die kapitalistische Wirtschaftsordnung, das Streben nach persönlicher Macht und Reichtum, schnell und brutal nahezubringen. Es gab Renditen in ungeahnten Höhen. Menschen, die bisher von all den Machenschaften nichts ahnten, wurden regelrecht über den Tisch gezogen. Sie wurden von den neuen Politikern genauso verarscht wie vorher von den Funktionären. Mit dem Unterschied, dass das unter dem Deckmantel der freiheitlich-demokratischen Grundordnung geschah und soziale Marktwirtschaft genannt wurde. Beide Seiten konnten in der Masse des Volkes dabei nur verlieren. Einzelne wurden durch ihre kriminelle Energie sagenhaft reich. Der Großteil der Menschen in Ost und West waren die Verlierer und müssen noch lange die Zeche der wenigen bezahlen. Wissentlich wird verschwiegen, dass der Osten des Landes fast die gesamten Reparationszahlungen aus dem Zweiten Weltkrieg an sein sogenanntes Bruderland, die Sowjetunion, gezahlt hat. Für den Westen mit, denn als der Osten durch Abriss der noch funktionierenden Industrieanlagen fast fünfzig Prozent seiner Wirtschaftskraft verlor, bekam der Westen von den Amerikanern den Marshallplan. Ganz zu schweigen von den landwirtschaftlichen Erzeugnissen, die überwiegend den Besatzern zugutekamen und den Osten weiter destabilisierten. Viele der Menschen, die für den damaligen Aufbau äußerst wichtig waren, verließen frustriert ihr neues Land und flüchteten in den Westen, der wiederum von den herrschenden Umständen im Osten profitierte. Man darf jetzt aber nicht den Schluss ziehen, diese Entwicklung dem Großteil der Menschen zum Vorwurf zu machen. Allein die blinde Gefolgschaft der damaligen Führer von Partei und Staat einem wissentlichen Diktator namens Stalin gegenüber und der eigenen Unfähigkeit zu Kompromissen war diese Entwicklung geschuldet.
Diese Fakten hätte man in der Beurteilung der Lage Ostdeutschlands in den sogenannten Verhandlungen zur Vereinigung der beiden Staaten hinzuziehen müssen. Nur waren es in Wirklichkeit gar keine richtigen Verhandlungen. Der Osten war mit Verhandlungsführern am Werk, die nicht unbedingt die Kompetentesten waren. Sie unterschrieben regelrechte Kapitulationsbedingungen. Man hatte den Eindruck, dass diese armseligen neuen Funktionäre für kurzfristige Posten im neuen Machtapparat alles und jeden in ihrem alten Land zur Disposition stellten. Billiger hatten nicht einmal die Alliierten nach dem Sieg über Nazi Deutschland die Kapitulation bekommen. Wie es meist im Leben ist, wird der Verrat vom Gegner geliebt, der Verräter nicht. Später brauchte man diese nicht mehr. Man unterstellte vielen von ihnen teils berechtigt, teils unberechtigt kriminelle Machenschaften oder Mitgliedschaften in Stasi oder nicht erwünschten Funktionärsebenen. Andere, die im Hintergrund agierten, waren plötzlich die „großen Widerstandskämpfer“, die man gerne im Westen integrierte, da sie es verstanden, sich äußerst nützlich den geänderten Bedingungen anzupassen. Sie konnten für die meisten glaubwürdig damit argumentieren, dass das System des Kapitalismus alternativlos in der menschlichen Gesellschaft sei. Allein dieses System garantierte angeblich die Freiheit jedes Einzelnen. Es sollte sich herausstellen, dass das genau das Gegenteil war und es fast der gesamten Menschheit die Vernichtung brachte. Die Gier nach Macht und Reichtum erlangte ungeahnte Dimensionen und ein Kollaps des ganzen Systems war vorprogrammiert. Die Reichen selbst sägten an dem Ast, auf dem sie saßen, indem sie immer abgehobener von der Masse des Volkes wurden. Ein wenig Intelligenz hätte genügt und das Beispiel der Funktionäre im verhassten Sozialismus würde ihnen ihre Zukunft vorausgesagt haben.



